Bedeutet Bioplastik auch ‚plastikfrei‘?

Bedeutet Bioplastik auch ‚plastikfrei‘? 5472 3648 Stefanie Barz

Seit wir mit Flustix unserem Ziel näher kommen, Plastik im industriellen und alltäglichen Gebrauch deutlich zu reduzieren und deshalb nur 100% plastikfreie Produkte zertifizieren, werden wir immer wieder mit der Frage konfrontiert: Zählt das Wundermaterial ‚Bioplastik‘ noch zu den Kunststoffen oder nicht? Was ist Bioplastik überhaupt und befreit es uns vom Plastikmüll? Ist es unbedenklich im Garten kompostierbar? Oder doch genauso schädlich wie jedes andere Plastikmaterial?

Greenwashing mit ‚Bio‘-Kunststoffen?

Unsere Definition von ‚plastikfrei‘ haben wir sorgfältig und wohl bedacht mit über fünfzig Fach- und Verkehrskreisen abgestimmt, wie mit dem Umweltbundesamt, an deren Argumentation wir hier anknüpfen möchten. Das Ergebnis ist: Bioplastik hat seine eigenen Tücken und zum Teil ähnliche Defizite wie andere handelsübliche Kunststoffe. Es stellt deshalb bis dato keine überzeugende Alternative zum Plastik dar. Auch wenn wir uns das für die vielen Innovationen in der Richtung, die nachhaltig gesinnte Unternehmen zunehmend auf den Markt bringen, wünschen würden. Das hat gleich mehrere Gründe. Aber erstmal zur Begriffsbestimmung, die zu einer wesentlichen Unterscheidung führt:

‚Bio-basiert‘ versus ‚biologisch abbaubar‘

Das Wort ‚Bio‘ steht im Fall von ‚Bioplastik‘ für zwei mögliche Szenarien. Es kann sich auf die Herstellung aus nachwachsenden Rohstoffen wie Mais- oder Kartoffelstärke beziehen, und bedeutet demnach ‚bio-basiert‘.  Oder aber es weist auf die biologische Abbaubarkeit des Kunststoffes hin. Beides bedingt sich nicht automatisch gegenseitig. Ganz im Gegenteil: Nicht jeder Kunststoff aus nachwachsenden Rohstoffen ist kompostierbar und nicht jeder kompostierbare Kunststoff ist aus nachwachsenden Rohstoffen produziert.

/

Die Nachteile der Plastik-Alternative

1. Die Kompostierfähigkeit

– ist in bis dato allen Fällen nicht unter natürlichen Bedingungen gegeben. Produkte aus Bioplastik, die angeblich vollständig biologisch abbaubar sein sollen, sind dies tatsächlich nur unter bestimmten, nämlich extremen Bedingungen (Hitze und Druck) von industriellen Kompostierungsanlagen. Der Ausdruck ‚kompostierbar‘ gilt hier also in der Regel nicht für den Gartenkompost. Bioplastik im hauseigenen Kompost zu entsorgen kann also eine ganze Ewigkeit dauern. Ganz zu schweigen davon, wenn die Plastik ins Meer gelangt, denn hier herrschen laut Plastic Soup Foundation noch ungünstigere Bedingungen für die Verrottung. Leider dürfen sich Produkte mit dem ‚Keimling‘-Logo schon ‚kompostierbar‘ nennen, wenn sie sich innerhalb von neunzig Tagen zu nur neunzig Prozent zersetzen können.

2. Die „bio-basierte“ Ökobilanz

– fällt nur zum Teil besser aus. Bio-basierte Tüten sparen in der Herstellung und Entsorgung gegenüber herkömmlichen Tragetaschen CO2 ein und schonen die Erdölressourcen. Doch hier entsteht ein neues Dilemma, denn der Anbau von Mais, Kartoffeln oder Zuckerrohr ist genauso nur begrenzt möglich und tritt in Konkurrenz zur Nahrungs- und Futtermittelherstellung. Dazu bringt er diverse Umweltbelastungen¹ mit sich – genauso wie die energieaufwändige Herstellung der Bioplastik an sich.

3. Die Ökobilanz der industriell-biologischen Abbaubarkeit

– bringt zudem keine energetische Verwertbarkeit mit, da sich die Kunststoffe nur in CO2 und Wasser auflösen. Das Verbrennen in Verbrennungsanlagen schneidet da wohl besser ab, da sich die freiwerdende Energie immer noch in Form von Strom oder Wärme nutzen lässt.

/

Fazit von EU und NGO’s:

Anti-Wegwerfkultur & Pro-Kreislaufwirtschaft

Dementsprechend hat es auch die Europäische Union on-top zur neuen Plastikstrategie der Europäischen Kommission erst kürzlich auf den Punkt gebracht: Biologisch abbaubare Kunststoffe können die Plastikverschmutzung nicht verhindern und sind keine Erlaubnis dafür, dass wir weiterhin Einwegplastik konsumieren dürfen (Quelle 2). Der BUND sieht das genauso: „Die Vorstellung, man könne Bioplastik einfach wegwerfen, weil es ja doch verrotten würde, fördert die Wegwerfkultur.“ (Quelle 3) Ähnlich sieht es der NABU: „Der Umgang mit dem vergleichsweise billigen Kunststoff gleicht immer noch einer Einbahnstraße – es wird verbraucht. Biobasierte und bioabbaubare Kunststoffe könnten das verändern, aber nicht in der Form, wie sie derzeit auf den Markt geschleudert werden.“ (Quelle 4) Vielmehr sollten wir den Plastikkonsum reduzieren und eine funktionierende Kreislaufwirtschaft etablieren. Da bleibt dem Verbraucher vorläufig die Frage:

Plastiktüte oder Stoffbeutel für den nachhaltigen Einkauf?

Der beste Einkaufsbeutel ist lange wiederverwendbar und aus natürlichem Stoff oder – wenn schon aus Kunststoff – aus recyceltem Plastik gemacht. Von der ‚Mogelverpackung‘ Bio-Kunststoff rät Verpackungsexperte Gerhard Kotschik ab. Deshalb seid ihr mit Flustix-zertifizierten Produkten einfach am besten beraten (denn Plastik versteckt sich nur allzu gerne).

/

¹ Für die Verwendung von Diesel und Düngemitteln braucht es weiterhin Erdöl, was obendrein in eine Überdüngung führen kann, wodurch Nährstoffe in Flüsse und Seen gelangen, die wiederum das Wachstum von Algen befördern, was das Ökosystem belastet und Fische sterben lässt. Ganz zu schweigen vom Einsatz von Pestiziden und gentechnisch veränderten Organismen.

Quellen:

  1. https://www.umweltbundesamt.de/themen/tueten-aus-bioplastik-sind-keine-alternative
  2. http://www.foeeurope.org/parliament-vote-biodegradable-plastics
  3. https://www.bund.net/chemie/achtung-plastik/alternative-bioplastik/ bzw. https://www.bund.net/fileadmin/user_upload_bund/publikationen/chemie/abfall_biokunststoffe_stellungnahme.pdf
  4. https://www.nabu.de/umwelt-und-ressourcen/ressourcenschonung/kunststoffe-und-bioplastik/index.html
  5. https://www.plasticsoupfoundation.org/en/files/types-of-plastic/#bioplastics
Stefanie Barz

Stefanie Barz

"Es ist höchste Zeit, dass wir uns, unserer Umwelt und den Objekten, die wir gestalten, mehr Nachhaltigkeit zugestehen." - Meine freie Mitarbeit bei FLUSTIX ist eng mit meiner Tätigkeit als Produktdesignerin verwoben.

All stories by : Stefanie Barz

FLUSTIX verwendet Cookies um den bestmöglichen Service zu bieten. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen, stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Weitere Infos unter Datenschutz.