Haltung mit Biss

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Warum fördert der Staat die Neu-Produktion von Plastik mit knapp einer Milliarde Euro?

Damit muss Schluss sein, fordert Malte Biss, Gründer und Geschäftsführer von flustix. Hier erklärt er, welche Auswirkungen die versteckten Subventionen haben.

Von Malte Biss

Bundesumweltministerin Steffi Lemke will mit einer Plastikabgabe die Nachfrage nach Rezyklaten, also nach Produkten, die aus recycelten Materialien gewonnen werden, ankurbeln. So eine Maßnahme können wir von flustix nur unterstützen. Wir stehen dafür ein, möglichst viel Material im Kreislauf zu halten und so einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten.

Die Recyclingquoten in Deutschland sind viel zu niedrig. Nur etwas mehr als die Hälfte der recycelbaren Kunststoffe wird verwertet. Klingt gar nicht so schlecht? Ist es aber. Denn auch Kunststoff-Abfälle, die ins Nicht-EU-Ausland verkauft und dort möglicherweise illegal und nicht fachgerecht entsorgt werden, fließen hier in die Recyclingquote mit ein. Damit schrumpft die Menge der tatsächlich bei uns vor Ort wieder verwerteten Kunststoff-Abfälle auf eine ganz dünne Marge. Die Schätzungen variieren zwischen zehn und 15 Prozent.

Auch hier arbeitet Ministerin Lemke an Lösungen. Sie will den Müll-Export verbieten. Gut so, denn das Ziel muss sein, die Kreislaufwirtschaft regional umzusetzen, statt Hunderttausende Tonnen Plastikmüll über die Weltmeere zu transportieren.

Bleibt noch die andere Hälfte an recycelfähigen Kunststoffen, die einfach so im Restmüll landet. Hier liegt eine Ursache bei der fehlerhaften Trennung in den privaten Haushalten sowie im Alltag, zum Beispiel bei Verpackungen von unterwegs verzehrten Speisen.

Die meisten Menschen sammeln ihre wiederverwertbaren Abfälle – ich nenne sie lieber Rohstoffe – doch damit ist es nicht getan. Nehmen wir die Packung, in der Aufschnitt steckt: Körper und Deckel sind aus unterschiedlichen Kunststoffen. Werden diese beiden Elemente vorm Entsorgen nicht getrennt, kann der hochwertigere Verpackungs-Körper in der Sortieranlage kaum verwertet werden, landet im schlechtesten Fall im Restmüll. Oder der Deckel einer Plastikflasche – auch hier braucht es Trennung, denn die Materialien, aus denen Flasche und Verschluss hergestellt werden, sind unterschiedliche Kunststoffe. Nur eine sortenreine Trennung hilft uns weiter, ist effektiv und klimaschonend.

Wussten Sie das? Achten Sie bei der Mülltrennung darauf?

Das machen die wenigsten Menschen – weil sie es nicht wissen. Die Wirtschaft bewegt sich, stellt Verpackungen um und druckt Hinweise auf die Produkte. Aber wir brauchen mehr! Wir brauchen eine groß angelegte Aufklärungskampagne. Eine Kampagne, die uns erklärt, wie jeder Mensch dazu beitragen kann, die Recyclingquote bei Kunststoffen mit wenigen und einfachen Handgriffen zu verbessern. Aufklärung über Anzeigen in Zeitungen, TV-Spots, auf allen Social-Media-Plattformen – das volle Programm. Denn Kreislaufwirtschaft geht uns alle an, Glas, Papier oder Metall machen vor, dass es funktioniert.

Ja, richtig, so eine Kampagne kostet Geld. Haben wir nicht? Doch! Wussten Sie, dass die Produktion von neuen Kunststoffen in Deutschland noch immer massiv mit Steuergeldern gefördert wird? Für die Herstellung wird Erdöl benötigt – und das ist im Gegensatz zu allen anderen Mineralöl-Anschaffungen für die Produzenten steuerfrei. Rund 780 Millionen Euro sparte die Industrie im Jahr 2013, so das Ergebnis einer Studie, vom Bundesumweltamt offiziell bestätigt. Seitdem hat sich an der Praxis nichts geändert, die Produktionsmenge ist auch nicht geringer geworden. Wir müssen also weiterhin davon ausgehen, dass der Staat möglicherweise auf knapp eine Milliarde Euro an Steuereinnahmen verzichtet, damit mehr frisches Plastik hergestellt wird.

Das ist Irrsinn. Denn statt neu produziertem sollte recyceltes Material subventioniert werden. Diese versteckten Subventionen zu stoppen und das Geld umzuverteilen wäre möglicherweise viel einfacher und effizienter, als eine neue Abgabe zu schaffen, wie von Ministerin Lemke jetzt vorgeschlagen. Der erste Schritt muss jetzt sein, diese Subventionen transparent zu machen, damit wir endlich offen darüber debattieren können.